Homeschooling – Brief an die Eltern

Liebe Eltern,

nach zwei Wochen Homeschooling möchten wir Ihnen zuallererst unseren Dank dafür aussprechen, dass Sie in einem guten Kontakt mit uns stehen. Außerdem haben Sie unsere Hochachtung dafür, welche Herausforderungen Sie derzeit bewältigen.

Uns ist bewusst, dass in der momentanen Situation vor allem die Eltern stark belastet sind. Neben den eigenen Sorgen um den Job oder die Finanzen, das Koordinieren des eigenen Homeoffice und Aufrechterhalten des Haushalts, sind Sie auch noch für die komplette Freizeitgestaltung sowie Unterrichtung ihrer Kinder zuständig.
Auch hier tun sich viele Fragen auf, nicht nur für Sie als Eltern, auch für uns LehrerInnen. Wie viel muss mein Kind lernen? Was ist zu viel des Guten? Muss alles geschafft werden, was die Lehrer schicken? Was ist mit den Leistungsnachweisen? Kommt mein Kind noch hinterher? Wie komme ich gegen innere Widerstände an? Von offizieller Seite gibt es hierzu keine Angaben. Wir, als Kollegium der MontessoriSchule, haben für uns eine Klarheit gefunden, die wir hiermit an Sie weitergeben wollen.


SCHULE  ZUHAUSE

Wichtigster Grundsatz für uns ist: Es soll allen Beteiligten nicht nur gesundheitlich, sondern auch seelisch gut gehen!

Das bedeutet für uns als LehrerInnen:

  • Wir wollen Sie als Eltern nicht zu unseren Hilfslehrern erklären, und verlangen, dass Sie neue Lerninhalte einführen. Es ist jetzt die Gelegenheit, dass alles bisher Gelernte sich setzt und dauerhaft verinnerlicht wird. Darum gibt es hauptsächlich Aufgaben, die zur Wiederholung und Festigung führen. Dies ist (auch im Sinne von Maria Montessori) die Chance eine gute Basis zu erlangen, auf der später aufgebaut werden kann. Haben Sie keine Angst, dass dadurch der Anschluss verpasst wird. Im Gegenteil: Es wird den Kindern später leichter fallen, Neues zu lernen.
  • Wir bombardieren Sie nicht mit Mails und einer Fülle neuer Aufgaben, sondern schicken nur einmal pro Woche Aufgaben (zB: Satz der Woche, Rechenpäckchen, …). Ansonsten arbeitet das Kind an dem Materialpaket, dass es mitbekommen hat.
  • Einmal pro Woche gibt es auch ein (kreatives) Zusatzangebot: Musik, Sport oder Kunst
  • Klassenlehrerinnen und Gruppenstundenlehrerinnen sprechen sich ab, damit die Dritt- und Viertklässler nicht von mehreren Seiten zu sehr belastet werden.
  • Wir vertrauen darauf, dass Sie Ihr Kind kennen und einschätzen können, wie es seine Lernzeiten über den Tag am besten strukturiert, wie oft es Pausen braucht und auch wann es genug ist. Für Erst- und Zweitklässler sollte die Lernzeit am Tag nicht mehr als 2 Stunden (Inkl. 15min ANTON) betragen, für Dritt- Und Viertklässler nicht mehr als 3 Stunden (Inkl. 20-30min ANTON und Gruppenstundenaufgaben).
  • Wir sind gerne täglich per Mail oder telefonisch zur Beratung für Sie erreichbar. Bitte haben Sie Verständnis, wenn wir am späten Nachmittag oder Abend nicht sofort auf Ihre Nachricht reagieren. Auch wir haben unsere Feierabendzeiten und melden uns dann am nächsten Tag.
  • Wir melden uns bei Bedarf in unregelmäßigen Abständen telefonisch bei Ihnen, um mit dem Kind zu sprechen und uns mit Ihnen auszutauschen.

 

Das bedeutet für Sie als Eltern:

  • Strukturieren Sie Ihren Tag (oder gleich die ganze Woche) zusammen mit dem Kind: Wann ist Lernzeit und was nehme ich mir täglich vor? Beziehen Sie Ihr Kind in die Planung ein. Wenn es täglich einen festen Rhythmus gibt, ist auch weniger Platz für Diskussionen und Widerstände.
  • Sollte es dennoch wiederholt zu Widerständen kommen, nehmen Sie Kontakt zu uns auf. Wir können dann Ihr Kind gerne persönlich ansprechen und enger begleiten.
  • Entscheidend ist für uns, dass die Lernzeit möglichst nicht überstrapaziert wird. Was in zwei/drei Stunden nicht geschafft ist, wird auf morgen verschoben. Zu lange an den Aufgaben sitzen bleiben müssen, führt zu Frust und Unlust.
  • Natürlich darf Ihr Kind sich auch für Neues interessieren. Sie dürfen es auch gerne dazu anregen. Wichtig dabei ist, es soll mit Freude passieren. Sobald Sie merken, dass etwas nicht verstanden wird und Unmut zwischen Ihnen aufkommt, ist es besser, wieder einen Gang zurück zu schalten oder die Lehrerin zu fragen.

FAMILIENLEBEN

Auch wenn es sehr idyllisch klingt und vorwiegend sicherlich auch so ist, dass in dieser Ausnahmezeit Familien wieder mehr Zeit füreinander haben und zusammenrücken, ist uns bewusst, dass nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen herrschen kann. Konflikte tun durchaus auch mal gut, solange sie bereinigend sind und nicht bedrückend. Ohne in ihr Privates eingreifen zu wollen, möchten wir Ihnen als Pädagogen (und größtenteils selbst Eltern) ein paar Anregungen geben, wie Sie vermeiden können, dass eine ungute, gereizte Familienstimmung die Oberhand gewinnt:

  • Veranstalten Sie wöchentliche/oder tägliche Ärger- und Freude-Runden. Dabei darf jeder loswerden, was ihn stört/ärgert/besorgt/freut, ohne dass andere Familienmitglieder sich einmischen dürfen. Es geht um Zuhören und Aufnehmen ohne Kontra zu bieten. So kann jeder seinem Herzen Luft machen und rücksichtsvoller mit dem anderen umgehen, ohne dass es zu großen Diskussionen und Streit kommt. Ihre Kinder kennen das aus der Schule!
  • Planen Sie feste Ruhezeiten in ihrem Tagesplan ein – Zeiten, in denen jeder sich mit sich selbst beschäftigt und dabei nicht gestört werden darf. So schaffen Sie sich als Eltern eine kleine Auszeit am Tag. Kindern geht es nur gut, wenn es auch den Eltern gut geht.
  • Wenn möglich, lassen Sie die Kinder viel draußen spielen, gehen Sie spazieren oder schaffen Sie im Haus die Möglichkeit zu körperlicher Bewegung (Treppen hoch und runter, tanzen, …). Kinder können sich nur konzentrieren, wenn Sie auch genügend körperlichen Ausgleich haben.
  • Behalten Sie die üblichen Zu-Bett-Geh-Zeiten bei. So haben Sie die Abende als Erwachsene für sich und die Kinder sind nicht dauerübermüdet.
  • Behalten Sie auch möglichst die üblichen (bzw. altersgemäß empfohlenen) Bildschirmzeiten für Ihr Kind bei. Ob Fernseher, Handy oder Computer – zu viele flimmernde Bilder gepaart mit zu wenig körperlicher Betätigung führt bei Kindern zu Überreizung, Stress und Nervosität.
  • Ein Aufruf, der uns schließlich (auch wieder im Sinne Maria Montessoris) besonders auf dem Herzen liegt ist: Haben Sie Mut zur Langeweile! Ihr Kind muss nicht dauerbespaßt werden. Wenn Ihrem Kind (oder auch Ihnen selbst) langweilig ist, lassen Sie es zu. Nach einer Weile, ein paar Tagen vielleicht, wird ihr Kind plötzlich Ideen entwickeln, was es tun möchte. Laut Maria Montessori steckt in der Langeweile das große Potential herauszufinden, was mich wirklich interessiert. Nun, so ganz ohne darauf zu hören, was meine Freunde wollen, oder mich mit Fernsehen abzulenken, habe ich die große Gelegenheit herauszufinden, was ich selbst eigentlich gerne mache: Ob ich im Garten Insekten beobachte, im Keller aus alten Schrauben etwas baue, eine Geschichte schreibe oder einfach nur meinen Gedanken nachhänge. Lassen Sie Langeweile zu, halten Sie das anfängliche Genörgele Ihrer Kinder aus und seien Sie gespannt, was passiert!
  • Wenn der häusliche Frieden im Laufe der Zeit doch empfindlich gestört ist, wenn Ihre Nerven immer dünner werden, tut vielleicht ein Gespräch mit einem Außenstehenden gut. Damit können Sie sich sehr gerne an eine der Lehrerinnen ihres Kindes wenden. Wenn Sie Ihre Probleme lieber nicht mit der Lehrerin Ihres Kindes teilen möchten, steht es Ihnen immer offen, sich an die Mitarbeiter unseres Sozialpädagogischen Bereiches zu wenden. Sie sind ausgebildete Erzieher und zum Teil auch Sozialarbeiter und sehr gerne zu einer Beratung bereit. Das Angebot gilt auch, wenn Ihr Kind nicht im SPB angemeldet ist.
    Anbei die Kontaktdaten des SPB: Telefon +49 681 43395; dominika.seimetz@saarbruecken.de


    Einige unserer Klassen haben Raupen gezüchtet und auf dem Weg zum Schmetterling beobachtet.
    Die Raupen befinden sich inzwischen im Stadium der Puppe. Das heißt, sie hängen still und unbewegt herum – scheinbar völlig untätig. Im Inneren jedoch vollzieht sich gerade eine spektakuläre Wandlung: Es wachsen Beinchen und Fühler und Flügel. In wenigen Tagen, werden die Schmetterlinge schlüpfen.
    Dieses Puppen-Stadium möchten wir abschließend als Sinnbild für unsere momentane Situation nehmen. Der äußere Stillstand bietet und allen das einmalige Geschenk des inneren Wachstums. Also hören Sie genau hin: Wer bin ich? Was mache ich gerne? Wo sind meine Wurzeln? Was verleiht mir Flügel?
    „Je besser unser Kontakt zu uns selbst ist, desto tiefer kann unser Verständnis für andere sein.“, schreibt Jesper Juuls, ein dänischer Pädagoge.
    In diesem Sinne, bleiben Sie gelassen, haben Sie Mut zur Langeweile, achten sie auf Ihre körperliche und seelische Gesundheit und nehmen Sie gerne unsere Beratungsangebote als Stütze.

    Herzlichst
    Ihr Montessori-Team